Mitgefühl

 

 

Was Mitgefühl für mich bedeutet: es ist die Fähigkeit, die Gefühle anderer Lebewesen zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Das gilt für positive wie auch für negative Gefühle.

Es ist doch beeindruckend wie ansteckend manchmal ein Lachen sein kann, ohne dass man die Ursache hierfür selbst erlebt haben oder nachvollziehen muss. Viele Menschen sagen, dass ein Kinderlachen für sie besonders schön klingt, da es unverfälscht ist und von Herzen kommt. Dann freut man sich mit dem Kind, nicht, weil man sich vielleicht selbst über einen Stoffhasen freuen würde, sondern weil man sich darüber freuen kann, dass ein anderer sich freut.

Warum schauen wir denn Komödien und Liebesschnulzen? Weil wir gerne Lachen möchten oder in einer Liebesromanze mitleiden, mitfühlen und wir hoffen immer, dass sie sich am Ende kriegen. Da ist es sogar egal, dass die Geschichte erfunden ist. Wir sind eben fähig, die Handlung nicht nur zu sehen, sondern sie auch nachzuempfinden. Wir sagen uns nicht: "das ist ja nur ein Film, das sind Schauspieler, die werden dafür bezahlt, diese oder jene Rolle zu spielen". Nein, wir lachen und fühlen gerne mit.

Wie ist es aber mit Horrorfilmen? Den Psychothrillern? Viele Menschen gucken diese Filme gerne. Wegen dem "Kick" habe ich mir sagen lassen. Und wenn eine Szene mal brutal wird, sagen sie sich: "das ist ja nur ein Film". Und dann haben sie die nächsten zwei Tage Alpträume. Das bestätigt mich in meiner Meinung, dass hier ein Unterschied gemacht wird, wo keiner ist. Man kann sich dann zwar sagen: "es ist nur ein Film". Aber das Adrenalin, der "Kick" ist nicht ohne Grund da, und lässt sich auch nicht rational "wegdenken". Die Alpträume und das Problem, nach so einem Film lange Zeit nicht einschlafen zu können, sprechen für sich.

Natürlich, wenn man lange genug im "Training" ist, kann einen nichts mehr so schnell schocken. Verrohen, Abstumpfen nenne ich das.

Hierzu gibt es übrigens zahlreichte Studien, die das belegen. Ein Ausschnitt: "Neben der Auswirkung auf kognitive Interpretationsmuster schlägt sich der intensive Konsum von Gewaltmedien auch auf der Ebene der emotionalen Reaktionen nieder. Das Konzept der Desensibilisierung beschreibt den Prozess der Abstumpfung gegenüber emotional erregenden Reizen, die sich sowohl auf der Ebene des erlebten Gefühls (z.B. reduziertes Angsterleben) als auch auf der Ebene der körperlichen Erregung zeigt (Carnagey, Anderson & Bushman, 2007). Im Hinblick auf gewalthaltige Stimuli konnten Studien wiederholt zeigen, dass sowohl Kinder als auch erwachsene Probanden im Labor eine verringerte physiologische Erregung auf (simulierte) realistische Gewalttaten zeigen, wenn sie zuvor durch Medieninhalte an die Beobachtung von Gewalt “gewöhnt” wurden (zusammenfassend z.B. Strasburger & Wilson, 2003). Eine Desensibilisierung führt zu einer Veränderung in den emotionalen Reaktionen (Abschwächung negativer Gefühle; Abnahme des Empathievermögens) und in den Kognitionen (Gewalt wird als normal und weit verbreitet betrachtet sowie als effektives Mittel zur Zielerreichung). Gewalthaltige Bildschirmspiele beispielsweise bekräftigen aggressive Handlungen (durch Punkte im Spiel, durch das Erreichen des nächsten Levels u.a.) und Gewalt wird als akzeptabel dargestellt, da sie nicht real, sondern nur in einer virtuellen Welt ausgeführt wird. Empathie mit den Opfern ist nicht notwendig, da diese ja nicht tatsächlich leiden und keinen Schmerz empfinden können. Eine Reihe von Studien mit Kindern und Erwachsenen zeigte, dass intensiver Gewaltspielkonsum mit einer Abnahme des Mitgefühls mit Menschen in Notsituationen und Opfern von Gewalthandlungen im realen Leben einherging (z.B. Funk, Baldacci, Pasold & Baumgardner, 2004)."

didacta 2010
Symposium: Gewalt im Netz – Was können wir tun?
Zusammenfassung des Vortrags vom 18.3.2010
Mediengewaltkonsum als Risikofaktor für Aggression im Jugendalter:
Ergebnisse aus Längsschnittstudien*
Dr. Ingrid Möller, Universität Potsdam

Mal drüber nachgedacht, was das "Schlimmste" war, was an Gewaltdarstellungen in den 50ern, 60ern, 70ern über die Bildschirme flatterte? Und was man heute so zu sehen bekommt? Nur mal so als Denkanstoß.

 

Mitgefühl ist lebensnotwendig, denn sonst könnten Situationen entstehen, in denen man andere, möglicherweise auch die engsten Angehörigen körperlich verletzt, ohne es zu erkennen. In unserer aufgeklärten Gesellschaft würde dann wohl niemand auf die Idee kommen, einer anderen Person die Haut abzuziehen, um zu sehen, was darunter ist, aber solche oder andere Dinge wären denkbar, wenn man für das Schmerzempfinden anderer nicht empfänglich wäre.

Mitgefühl hat für mich die Funktion, schmerzhafte Erfahrungen zu verhindern und stattdessen möglichst erfreuliche zu erzeugen, wobei egal ist, um welche Person es sich handelt.

Warum ich dieses Kapitel schreibe? Weil Mitgefühl hierzulande Mangelware zu sein scheint. Weil dies ein Land geworden ist, indem es möglich ist, Menschen auf offener Straße zu beklauen, zu entführen, oder zu tode zu prügeln, ohne dass irgendjemand einschreitet.

 

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